Nachhaltigkeitsschulung der Waldenburger Versicherung
Zwei Tage, drei Themenblöcke, eine zentrale Frage: Wie geht die Versicherungsbranche verantwortungsvoll mit dem Klimawandel um? Am 22. und 23. Juli 2026 durften wir dazu wieder die gesamte Belegschaft der Waldenburger Versicherung schulen – von den naturwissenschaftlichen Grundlagen über die Regulatorik der EmpCo bis zur Frage, wie sich Nachhaltigkeit im Kompositgeschäft künftig belastbar nachweisen lässt.
Themenblock 1: Umwelt- und Klimaveränderungen: Ursachen, Ereignisse, Folgen
Bewusst haben wir die Schulung mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen begonnen, bevor es an Regulatorik und Labels ging. Denn bevor man über Siegel, Kriterien und Nachweispflichten spricht, muss der Ernst der Lage klar sein: Der Klimawandel ist kein Zukunftsthema mehr, sondern findet bereits jetzt statt – wir stecken mittendrin!
Ein zentraler Treiber dahinter sind die Weltmeere: Sie fungieren als riesiger Wärmespeicher und haben über 90 % der zusätzlichen Wärme, die der Treibhauseffekt seit Beginn der Industrialisierung erzeugt, aufgenommen. Das erklärt, warum sich die Erderwärmung an Land bislang in Grenzen hält – der Preis dafür sind aber steigende Wassertemperaturen, Versauerung und ein steigender Meeresspiegel. Seit 2023 liegt die globale Meeresoberflächentemperatur außerhalb des historischen Bandes, tagesaktuell nachvollziehbar beim Climate Reanalyzer der University of Maine – ein Hinweis darauf, dass hier möglicherweise bereits ein Kipppunkt überschritten wurde.
Auf diesen erhöhten Sockel setzt ein natürlicher Zyklus auf: El Niño. Seit Juni 2026 gilt eine offizielle NOAA-Advisory, mit über 95 % Wahrscheinlichkeit hält das Ereignis bis in den Winter 2026/27 an. Die Folgen sind globale Dürre in Südostasien, Australien und dem südlichen Afrika, Überschwemmungen in Südamerika, Korallenbleiche, einbrechende Fischbestände.
Quellen:
- NASA Science – El Niño. – URL: https://science.nasa.gov/earth/explore/el-nino/ [29.07.2026].
- NASA Science – Ocean Warming. – URL: https://science.nasa.gov/earth/explore/earth-indicators/ocean-warming/ [29.07.2026].
- Climate Reanalyzer (2026). Daily Sea Surface Temperature (Global). – URL: https://climatereanalyzer.org/clim/sst_daily/?dm_id=world2 [24.07.2026].
- Climate Reanalyzer (2026). Daily Sea Surface Temperature (Niño 3.4 Region). – URL: https://climatereanalyzer.org/clim/sst_daily/?dm_id=nino3.4 [29.07.2026].
- NOAA Global Monitoring Laboratory – CO₂-Konzentration, Mauna Loa. – URL: https://gml.noaa.gov/ccgg/trends/ [29.07.2026].
- NOAA Climate Prediction Center (2026). ENSO Diagnostic Discussion, Juni 2026. – URL: https://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/analysis_monitoring/enso_disc_jun2026/ensodisc.shtml [29.07.2026].
Themenblock 2: EmpCo-Richtlinie und Greenhushing
Nachdem der erste Themenblock den Ernst der Lage verdeutlicht hat, ging es im zweiten Teil um die Frage, wie die Versicherungsbranche mit diesem Handlungsdruck rechtssicher umgehen kann – denn Nachhaltigkeit zu betreiben ist das eine, glaubwürdig und regelkonform darüber zu kommunizieren das andere. Dafür setzt die EmpCo-Richtlinie nämlich künftig neue Standards.
Die EmpCo-Richtlinie (EU 2024/825 – Directive on empowering consumers for the green transition) wurde bereits am 28. Februar 2024 verabschiedet und ist Teil des europäischen Green Deals. Sie ergänzt das bestehende Lauterkeitsrecht (in Deutschland über die 3. UWG-Novelle umgesetzt) um konkrete Verbote gegen Greenwashing und Social Washing. Wichtig dabei: Die Richtlinie gilt für alle Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen in der EU vermarkten – unabhängig von Branche, Größe oder Herkunftsland. Ab dem 27. September 2026 sind die neuen Vorschriften anzuwenden. Bei Verstößen drohen neben Abmahnungen und Unterlassungsansprüchen Sanktionen von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes.
Im Kern verbietet sie unbelegte, pauschale Umweltaussagen wie „nachhaltig“ oder „umweltfreundlich“: Eine Aussage ist nur zulässig, wenn sie sich auf einen konkreten, nachprüfbaren Nutzen zurückführen lässt. Zusätzlich stellt die EmpCo eigene, strengere Anforderungen an Nachhaltigkeitssiegel: Sie dürfen künftig nur noch verwendet werden, wenn dahinter eine unabhängige Drittprüfung, öffentlich einsehbare Kriterien und ein echtes Sanktions- und Zertifizierungssystem stehen. Bei Verstößen drohen Sanktionen von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes.
Die Folge dieser wachsenden Regulierungsdichte (EmpCo, UWG-Novelle, CSRD, EU-Taxonomie) ist ein Phänomen, das wir für mindestens so problematisch halten wie Greenwashing: Greenhushing. Dabei verschweigen oder verwässern Unternehmen bewusst ihre tatsächlichen Nachhaltigkeitsleistungen, statt – wie beim Greenwashing – mit unbelegten Aussagen zu werben. Der Grund ist meist schlicht Unsicherheit darüber, was rechtlich noch „sicher“ kommuniziert werden darf. Verstärkt wird dieser Effekt überall dort, wo anerkannte Zertifizierungssysteme fehlen: Ohne Siegel bleiben Unternehmen nur ihre unternehmensinternen Nachweise, und das Abmahnrisiko steigt spürbar. Und für Komposit-Versicherungsprodukte fehlt ein solches Siegel bislang vollständig – mit entsprechend hoher Gefahr für einen Nachhaltigkeits-Backlash in der Versicherungsbranche.
Themenblock 3: Projekt ASSESI
Im dritten und letzten Themenblock ging es um unsere eigene Antwort auf diese Lücke: das ASSESI-Projekt der Greensurance Stiftung, aufgeteilt in drei eng verzahnte Bausteine:
ASSESI-Label: Das Kernstück, für das wir auch die DBU-Förderung erhalten haben, ist die Entwicklung eines EmpCo-konformen Nachhaltigkeits-Produktsiegels für die drei klassischen Retail-Sparten Privathaftpflicht, Wohngebäude und Hausrat. Dabei orientieren wir uns an DIN EN ISO 14024 (Umweltkennzeichen Typ I), erarbeiten jedoch Kriterien über alle ESG-Dimensionen hinweg. Nach außen wird das ASSESI-Label ein einheitliches Siegel ohne sichtbare Niveaustufen sein, dahinter steckt jedoch ein ausgeklügeltes Bewertungssystem: Für alle drei Sparten gelten zunächst übergeordnete K.-o.-Kriterien (etwa zu Vertrieb & Kommunikation), die zwingend erfüllt sein müssen. Darüber hinaus erhält jede Sparte einen eigenen Kriterienkatalog mit einer umfassenden Sammlung nachhaltiger Leistungsbausteine, die je nach Wirkung unterschiedlich gewichtet sind und entsprechend unterschiedlich viele Punkte einbringen. Mit dem ASSESI-Label ausgezeichnet wird ein Produkt dann, wenn es sowohl die übergeordneten K.-o.-Kriterien erfüllt als auch in Summe eine festgelegte Mindestpunktzahl aus dem sparten-spezifischen Kriterienkatalog erreicht. Wer die Mindestpunktzahl deutlich übertrifft, wird dabei zusätzlich belohnt: Statt der regulären Rezertifizierung nach einem Jahr verlängert sich der Zertifizierungszyklus dann auf zwei oder sogar drei Jahre.
Die Kriterien durchlaufen dabei einen mehrstufigen Entwicklungsprozess: interne Abstimmung, KPI-Workshops mit Versicherungsunternehmen, Einbindung des diversen Projektbeirats, eine vorläufige Entscheidung und schließlich eine öffentliche Konsultation – flankiert von laufender Recherche, Analysen und Expert:inneninterviews durch das ASSESI-Projektteam.
ASSESI-Association: Da Lizenzgebühren für das Siegel allein nicht ausreichen werden, um das Label langfristig weiterzuentwickeln und zu pflegen, bauen wir parallel ein europäisches Verbundnetzwerk auf – die Association of European Sustainable Insurers. ASSESI ist jedoch bewusst kein klassischer Verein: ASSESI-Supporter können Versicherer, Makler oder auch Institutionen sein, ausdrücklich auch solche, die (noch) kein Produkt nach dem ASSESI-Label zertifizieren lassen. Statt Mitgliedsbeiträgen gibt es jährliche, nach Bruttobeiträgen gestaffelte Unterstützungsbeiträge. Im Gegenzug profitieren Supporter von gemeinsamer Interessenvertretung gegenüber Regulierung und Politik, exklusiven Events und Webinaren, Wissens- und Ressourcentransfer sowie einem europäischen Netzwerk aus Versicherern.
DIN-Arbeitskreis: Parallel wird von Marcus Reichenberg auch ein DIN-Arbeitskreis für nachhaltige Kompositversicherungsprodukte geleitet. Dort entsteht eine Technische Spezifikation zur ISO 32211 – ein prinzipienorientierter statt regelbasierter Standard. Der Unterschied lässt sich am besten an einem Beispiel zeigen: Ein Prinzip formuliert allgemein, was ein nachhaltiges Kompositprodukt leisten soll – etwa das Prinzip der Lenkungswirkung, also dass ein Produkt Verbraucher:innen aktiv zu nachhaltigerem Verhalten bewegt. Ein regelbasierter Standard wie das ASSESI-Label übersetzt dieses Prinzip dann in ein konkretes, prüfbares Kriterium: Für die Lenkungswirkung könnte das etwa der KPI sein, dass die Schadenanzeige einen Nachhaltigkeitshinweis enthalten muss, der Verbraucher:innen dazu anregt, die nachhaltigen Leistungen des Produkts in Anspruch zu nehmen. Die ISO-TS orientiert sich dabei an der Generationengerechtigkeit nach Brundtland. Als Grundlage für ein Verbrauchersiegel eignet sich eine ISO-TS allerdings nicht: Die zugrundeliegenden Kriterien müssten dafür öffentlich zugänglich sein – DIN-Dokumente sind aber in der Regel nur kostenpflichtig einsehbar. Hinzu kommt, dass sich Prinzipien allein nur schwer auditieren lassen, da ein Audit konkrete, regelbasierte KPIs braucht. Die DIN-TS dient deshalb als fachliche Grundlage, auf der weitere, regelbasierte Standards für ein Verbrauchersiegel – wie eben das ASSESI-Label – entwickelt werden können.
Unser Fazit
Mit kaum einem anderen Unternehmen verbindet uns eine so besondere gemeinsame Geschichte wie mit der Waldenburger Versicherung – umso mehr freut es uns, dass wir wieder eine Nachhaltigkeitsschulung geben durften.
Inhaltlich konnten wir den Bogen über drei Themenblöcke spannen: Die physikalische Realität des Klimawandels zeigt, dass Handeln keine Frage der Zukunft mehr ist. Gleichzeitig sorgt die EmpCo-Richtlinie mit ihren strengen Anforderungen an Umweltaussagen und Nachhaltigkeitssiegel dafür, dass genau in diesem entscheidenden Moment die Kommunikation über echte Nachhaltigkeitsleistungen zu verstummen droht.
Unser Appell: Mut zur Nachhaltigkeit statt Greenhushing! Denn Schweigen ist keine Lösung: Wenn ausgerechnet die Unternehmen verstummen, die tatsächlich etwas zu zeigen haben, verliert der Markt seine Orientierung – und mit ihr das Vertrauen, das Nachhaltigkeitskommunikation eigentlich stärken soll. Wir lesen die EmpCo deshalb bewusst nicht als Bremse, sondern als Einladung: Wer sein Engagement mit belastbaren Nachweisen unterlegt, kann sich damit gerade jetzt glaubwürdig von Anbietern abheben, die es mit der Nachhaltigkeit weniger ernst meinen. Mit dem ASSESI-Label, der Association und dem DIN-Arbeitskreis arbeiten wir genau an dieser Grundlage.
Vielen Dank an die Waldenburger Versicherung für das entgegengebrachte Vertrauen und den spannenden Austausch – gerne wieder!
Machen Sie mit bei ASSESI! Ob als Supporter der Association, als Pilotversicherer für das ASSESI-Label oder als Mitgestalter:in der Kriterien in unseren KPI-Workshops – wer Interesse hat, sich einzubringen, meldet sich gerne unter: rzepecki@assesi.eu