Ein Rückblick auf den Impulsvortrag der Greensurance Stiftung beim Hamburger Börsenkreis am 26. Juni 2025
Die Allcura Vermögensschaden lud zur Diskussionsrunde mit der Greensurance Stiftung. Rund 20 Teilnehmer:innen aus der Finanz- und Versicherungswelt folgten der Einladung des Hamburger Börsenkreises. Vertreter:innen großer Makler und Versicherer kamen zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen der nichtfinanziellen Berichterstattung und der CO₂-Bilanzierung auszutauschen.
Im Zentrum des halbstündigen Impulsvortrags standen zentrale Bausteine der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), Neuigkeiten aus dem Omnibus-Verfahren sowie die CO₂-Bilanzierung nach dem Greenhouse Gas (GHG) Protokoll. Aus aktuellem Anlass griff die Greensurance Stiftung den VSME-Standard auf. Der VSME ist ein freiwilliges Berichtsformat, das insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen eine praktikable Alternative zur umfassenden CSRD-Berichterstattung bietet.
Warum Berichterstattung mehr ist als Bürokratie
Die CSRD verpflichtet Unternehmen dazu, ihre Nachhaltigkeitsleistung ebenso transparent, standardisiert und prüfbar zu kommunizieren wie ihre Finanzkennzahlen. Dabei geht es nicht nur um regulatorische Pflichterfüllung, sondern um Vergleichbarkeit, Risikomanagement und Steuerung in Zeiten ökologischer und sozialer Herausforderungen.
Gerade für Versicherer, deren Geschäftsmodell auf langfristigen Risikoprognosen und Kapitalströmen basiert, ist dies von zentraler Bedeutung. Eine realistische Einpreisung von Klimarisiken fördert zunächst die Bezahlbarkeit von Prämien. Langfristig hängt jedoch die Versicherbarkeit ganzer Regionen davon ab, ob klimatische Veränderungen frühzeitig entsprechend bewertet und gesteuert werden können. Externalisierte Kosten, die etwa durch mangelnde Dekarbonisierung und einer sich verstärkenden Klimakrise entstehen, dürfen nicht länger ignoriert werden.
CO₂-Bilanzierung: Der Blick in die gesamte Wertschöpfungskette
Ein weiterer Fokus des Vortrags lag auf der CO₂-Bilanzierung nach dem GHG-Protokoll. Dieses gliedert unternehmerische Emissionen in drei Kategorien:
- Scope 1: direkte Emissionen aus unternehmenseigenen Quellen,
- Scope 2: indirekte Emissionen aus zugekaufter Energie (z. B. Strom, Fernwärme),
- Scope 3: alle weiteren indirekten Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Gerade Scope 3 ist von besonderer Relevanz, da hier die vor- und nachgelagerten Emissionen sichtbar werden. In der Assekuranz ist dabei insbesondere die Kategorie 3.15, die sogenannte investitionsbedingte Emissionen umfasst, interessant. Kapitalanlagen und das versicherungstechnische Geschäft verursachen mittelbar investitionsbedingte Emissionen, die sich in finanzierte und versicherte Emissionen untergliedern. Die Berechnung erfolgt nach dem Standard der Partnership for Carbon Accounting Financials (PCAF), der sich international etabliert hat.
VSME-Standard: Ein realistisches Instrument für KMU?
Dass die CSRD mit ihren umfangreichen Anforderungen gerade in der zweiten und dritten Welle der Berichtspflicht auf Unternehmen trifft, die strukturell und personell oft kaum in der Lage sind, mehrere Hundert Datenpunkte zu erfassen, wurde im Anschluss an den Vortrag lebhaft diskutiert.
Vor diesem Hintergrund wurde der VSME-Standard als alternative Option für nicht (mehr) berichtspflichtige Unternehmen präsentiert. Der VSME-Standard konzentriert sich auf etwa 10 % der Datenpunkte der CSRD mit einem klaren Fokus auf quantitativen Kennzahlen, z.B. der Berechnung der CO₂e-Emissionen. Er könnte für viele Unternehmen einen Einstieg in strukturierte Nachhaltigkeitsberichterstattung darstellen, ohne sie zunächst mit der Komplexität der CSRD zu überfordern.
Zwischen Idealismus und Realität: Nachhaltigkeit mit Substanz
Im Dialog mit den Teilnehmenden wurde deutlich, wie wichtig es ist, Nachhaltigkeit nicht als regulatorische Last, sondern als strategische Chance zu begreifen. Eine belastbare CO₂-Bilanzierung und transparente Berichterstattung ermöglichen nicht nur die Steuerung von ESG-Risiken, sondern stärken auch das Vertrauen von Kund:innen, Geschäftspartner:innen und Investor:innen.
Gleichzeitig wird der Spannungsbogen deutlich: zwischen ambitionierten Standards und realen Ressourcen, zwischen notwendiger Proportionalität und wachsender Erwartungshaltung. Der Wunsch nach handhabbaren Instrumenten trifft auf die Verpflichtung, Klimarisiken ernsthaft in Geschäftsmodelle zu integrieren und dabei die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu relativieren.
Die Transformation hin zu einer klimabewussten, resilienten Wirtschaft ist kein Sprint, aber sie verlangt Entschlossenheit, Klarheit und eine Hands-On-Mentalität in Hinblick auf das Beschreiten neuer Wege.